ZWISCHEN HIER UND IRGENDWANNZWISCHEN HIER UND IRGENDWANN
meditative Märchen für Erwachsene

editition fischer
2007. 104 Seiten.
Paperback Euro 9,90 (D). SFr 18,00.
ISBN 978-3-89950-918-2.
Warengruppe 1470

 

 

 

LESEPROBE

Der Regentropfen

Als ihm sein Sein das erste Mal bewusst wurde, war er gerade mitten in der Luft. Er wusste nicht, woher er kam und warum er gerade fiel, der kleine Regentropfen.

Er sah nach oben: Dort erblickte er andere seiner Wesensart, die auch nichts anderes taten als er selbst: sie fielen; und so fiel er mit ihnen.
Manche andere Regentropfen waren schneller als er, und es sah lustig aus, das Treiben der vielen Tropfen. Er fühlte sich wohl, unser kleiner Regentropfen; er war einer von vielen, keine Pflicht störte seinen Tanz.
Er hatte eine unbeschwerte Kindheit.

Er sah nach unten: Die anderen Regentropfen hatten den Boden erreicht - den harten Boden. Einige blieben wie betäubt liegen, andere begannen zu dampfen, als würden sie verbrannt.
Und er, der kleine Regentropfen, raste in unvorstellbarer Geschwindigkeit selbst auf den Boden zu; keine Möglichkeit, wieder aufzusteigen in das lustige Treiben der anderen.
Er hatte furchtbare Angst. Und bevor er aufschlug, schloss er die Augen. Dann verlor er das Bewusstsein.
So endete seine Jugend.

Der kleine Regentropfen öffnete die Augen; wo war er? Erst schien es ihm, als ob er schwebe. Doch dann bemerkte er, dass er schwamm. Festgehalten von den anderen Regentropfen, ein paar Millimeter über dem harten Boden, auf dem er aufgeschlagen war. Ganz weich waren die Bewegungen, locker hielt er sich an den Händen der anderen fest, und er freute sich. Die letzten Regentropfen, die jetzt vom Himmel fielen, die fingen sie auf, die brauchten nicht mehr auf dem harten Boden zu landen.

Langsam begriff der Regentropfen, dass er die Anderen nicht loslassen durfte: Er hatte ein Aufgabe.
Er war erwachsen.

So hielt er sich noch immer an den anderen Regentropfen fest, auch als schon längst keine Tropfen mehr vom Himmel fielen.
War er jetzt nutzlos geworden?
Der kleine Regentropfen wurde alt.

Müde fielen ihm die Augen zu; doch dieses Licht?
Er blinzelte, sah ein ganz helles Licht, und die anderen sagten ihm:
„Das ist die Sonne. Sie ist dein Tod!“

Doch noch bevor er richtig begreifen konnte, was dies bedeuten könne, erschien dieses Licht plötzlich bunt. In ganz weichen Farben berührte ihn dieses Licht, so dass er selbst bunt schillerte.

Und dieses Licht konnte sprechen - nicht so richtig, aber der kleine Regentropfen verstand auf einmal Dinge, über die er sich früher nie Gedanken gemacht hatte.

Dieses Licht war der Regenbogen. Und der war gekommen, um den kleinen Regentropfen abzuholen zu einem wundervollen Kreislauf. Nun wusste der kleine Regentropfen auf einmal, dass es ihn schon immer gegeben hatte, dass er schon oft in dieser Daseinsform auf dem harten Boden gewesen war: Er hatte Blumen wachsen lassen, er hatte Trinkwasser gebildet, er war zu Seen und Meeren zusammengelaufen, und immer wieder war er über den Regenbogen zum Himmel zurückgetragen worden, um wieder neue Wolken zu bilden.

Eine tiefe Zufriedenheit erfasste den Regentropfen, eine unerklärliche Freude.
Der kleine Regentropfen war weise geworden.

Und als er sich vom Regenbogen nach oben tragen ließ, da fühlte er die Weite, den Frieden und die Ewigkeit des Universums. Alle Weisheit, die ein Regentropfen je erlangen kann, hatte er erlangt. Jetzt freute er sich wieder auf das unbedeutende Dasein seines kleinen Regentropfenlebens.

Und er fällt immer wieder.
Kannst du seine Weisheit spüren?

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